Epoche im Fokus: Romantik (1795–1835)

Regelmäßig stellen wir hier eine neue Literaturepoche vor. Heute ist es die Romantik (1795-1835).

Die Romantik auf einen Blick

Was die Romantik ausmacht:

  • Überwindung der eher strengen (Weimarer) Klassik
  • Emotionen, Leidenschaft und Individualität
  • Die Welt ist laut Romantikern in Vernunft und Gefühl gespalten
  • Mythische Welten werden idealisiert (Vorbild Mittelalter)
  • Die Natur wird verehrt, ein Leben im Einklang mit ihr angestrebt
  • Motive: Natur, Wanderlust, Leidenschaft & Liebe, Unendlichkeit, Fantasie

Gattungen: Lyrik (Lieder und Balladen), (Bildungs-)Roman, Erzählungen und Novellen

Einige Hauptwerke: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (Novalis, Gedicht, zur Interpretation), Mondnacht (Joseph von Eichendorff, Gedicht, zur Interpretation), Der Spinnerin Nachtlied (Clemens Brentano, Gedicht, zur Interpretation), Der Sandmann (E. T. A. Hoffmann, Novelle), Athenäums-Fragmente (Friedrich Schlegel, Philosophie), Des Knaben Wunderhorn (Clemens Brentano und Achim von Arnim, Gedichtsammlung)

Vertreter: Joseph von Eichendorff, Clemens Brentano, Karoline von Günderrode, Sophie Mereau (hier interpretiert), August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis, E. T. A. Hoffmann


Die Romantik ist aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit schwierig zu fassen. Werke jener Epoche waren unter anderem Volksgedichte oder Lieder, aber auch sagenhafte, märchenähnliche Romane und Erzählungen. Dramen waren eher unbedeutend, weniger populär. Typisch war eher ein kleinteiliger Stil, der sogenannte Fragmentarismus – kleine Textschnipsel, welche für sich alleinstehen. Kurze Gedichte und Aphorismen hatten Konjunktur. Zur Anwendung kamen für eine kompakte, vielsagende Form oftmals Synästhesien, Personifikationen oder mystische Bilder wie die oben zu sehende „blaue Blume“ von Novalis als Symbol für die Romantik.

Das dichterische Ideal war die sogenannte Universalpoesie, eine Literatur, die die ganze Welt beschreiben konnte. Ein konkretes Beispiel hierfür ist z. B. die inhaltliche Verknüpfung von Kunst und Wissenschaft in den Texten der Romantik. Auch Lyrik, Drama und Prosa verschmolzen häufig in Werken. Regeln wurden dafür vernachlässigt und Fantasie war gefragt.

Zwischen Industrialisierung, Fortschritt und Überforderung

Das Leben zur Zeit der Romantik – es war gewiss ein Leben mit Höhen und Tiefen. Historisch befinden wir uns in einer bewegten Zeit: Industrialisierung, Napoleonische Kriege und ein Erstarken der Nationalstaatsidee beherrschten die Gesellschaft Europas. Die Umbrüche und die mit der Technisierung einhergehenden Veränderungen sorgten bei den Menschen gewiss nicht immer für Lebensfreude, sondern eher für schlaflose Nächte. Viele existenzielle Fragen wurden gestellt: Würde man den neuen Ansprüchen der Arbeitgeber, der Intellektuellen, der Politiker gerecht werden? Wie entwickelt sich die Gesellschaft in den nächsten Jahren?

Aus der Masse hervorstechen

Romantiker wandten sich bei der Suche nach Antworten auf solche Fragen bewusst vom Rationalismus und aufklärerischen Elementen ab. Daher schenkten sie auch der Klassik nicht wirklich übermäßige Aufmerksamkeit. Ihr Ziel war es deshalb aber nicht unbedingt, an der vorhandenen Gesellschaft Kritik auszuüben. Vielmehr wurde die Wirklichkeit immer häufiger abgelehnt, die durch Normen und Vernunft bestimmt war. Vertreter der Romantik lehnten zudem oft die Angepasstheit und Moral des „Spießbürgertums“ ab.

Im 18. Jahrhundert wurde weiterhin der Beginn der Industrialisierung eingeläutet. Ein bedeutendes Kapitel für Mensch und Maschine. Man suchte seinen Platz in dieser neuen Welt, in der vor allem persönliche Anpassungsfähigkeit gefragt war. Verbunden mit der Industrialisierung war ein Aufschwung in der Wirtschaft. Zur Tagesordnung gehörten neue Probleme mit sozialer Ungleichheite infolge einer neuen Gesellschaftsschichtung. Menschen wurden verstärkt nach ihrer Produktivität klassifiziert – ein Grund mehr, aus dem sich Romantiker nach der vorindustriellen Zeit zurücksehnten, etwa ins Mittelalter. Während sich der aufgeklärte Mensch am Verstand, an den Erkenntnissen aus der Naturwissenschaft orientierte und sich als ein der Natur übergeordnetes Wesen ansah, empfanden die Romantiker den Menschen als einen bloßen Teil der Natur. Diktum war: Der Verstand ergänzt lediglich – falls überhaupt nötig – die dem Menschen von Natur aus gegebene Seele. Persönliches Empfinden und Intuition waren daher wesentlich. Es wurde literarisch versucht, die Grenzen des Verstandes aufzuheben und zu erweitern.

Romantik: Einheit von Natur und Geist

Inspiriert unter anderem von den Theorien des der Romantik nahestehenden Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854) forderten die Dichter der Epoche folgerichtig nichts weniger als eine Einheit von Natur und Geist. Die Bedeutung der Natur zeichnet sich unter diesem Aspekt nicht zuletzt darin ab, dass sich die Romantiker für rätselhafte, mysteriöse und teilweise düstere Teile ihrer Vielfalt begeistern konnten. Bedeutend ist in dem Kontext das Mittelalter, waren doch Mythen und das Sagenhafte damals allgegenwärtig. Für Dichter und Denker der Romantik stellte das Mittelalter die letzte Ganzheitskultur vor der kritisierten Aufklärung dar, die die Welt in ihren Augen zersplittert hatte. Das Mittelalter diente als Idealisierungsinstrument und Inspiration gleichermaßen.

Die Vorliebe für Rätselhaftes rührt abschließend auch am Interesse der Romantiker für das Unbewusste im Menschen, für seine Abgründe und inneren Geheimnisse. Im Schlaf und mithilfe von Träumen ließen sich in den Augen der Romantiker über den Menschen allgemein und die Besonderheit der Tageswelt im Speziellen wichtige Erkenntnisse gewinnen. Obwohl zwar immer mehr rätselhafte Dinge durch den Fortschritt in Wissenschaft und Forschung erklärt werden konnten, stellte das Träumen für sie etwas dar, das emotional begriffen werden muss, um den Menschen zu erkennen.


Die Epoche in einem Zitat:

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis, Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Gedichtbeispiel

Wünschelrute (1835)
von Johann Wolfgang von Goethe

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.


Das kurze Gedicht „Wünschelrute“ von Eichendorff ist ein typisches Beispiel aus der Romantik und vor allem eines für die Theorie der Universalpoesie. Es beschäftigt sich mit der Sprache und wie diese gänzlich die Wirklichkeit erfassen kann. Allen Dingen wird im Gedicht ein ihnen zugrunde liegendes ‚Lied‘ (vielleicht eine durch Singen hervortretende ‚wahre‘ Bedeutung des Gegenstandes?) attestiert. Die Dinge „träumen“ (V. 2) außerdem, müssen also noch erwachen und wirklich werden. Es wird für dieses Zeil an den einzigartigen Charakter der Sprache appelliert, die erst zeigt, dass jedes Objekt eine individuelle Aussagekraft hat.

Dass „ein Lied in allen Dingen“ schläft, weist also auf die verborgene Kraft und Magie der Sprache. „Die [Objekte] da träumen fort und fort“, bis das Wort sie lebendig macht „und die Welt [an]hebt (…) zu singen“. Voraussetzung hierfür ist allerdings ein ungenanntes „Zauberwort“. Damit kann das Sprechen gemeint sein und insbesondere wohl die Literatur. Allein steht jedes Wort für sich, gemeinsam ergeben sie Sätze, Gedichte und Romane – universale Kunst eben.

Und im Übrigen: Der Titel des Gedichtes ist ebenso fantastisch und mystisch wie sein Inhalt. Denn viele werden sich fragen: Was ist eine Wünschelrute eigentlich? Eine Wünschelrute ist eine Art Instrument, meist in Form eines Y, welches u. a. auf Anziehungskräfte reagieren soll. In Kombination mit der obigen Deutung des Gedichtes könnte man meinen, dass sie den richtige Einsatz der Sprache symbolisieren soll. Sie erscheint als Schlüssel („Zauberwort“) zur Kommunikation.

Foto: Pixabay

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