Martin Opitz Barock memento mori

Martin Opitz: Ach Liebste / laß vns eilen

Martin Opitz ist allgemein als Begründer der deutschen Poetik be- und anerkannt. Er ist außerdem einer der wichtigsten Barockdichter deutscher Sprache.

Immer wieder analysiert und diskutiert wird sein Gedicht mit dem Anfangsvers „Ach Liebste / laß vns eilen“ (normalisiert: „Ach Liebste, lass uns eilen“). Es ist ein typisch barockes Gedicht, das den Gedanken des memento mori ausgestaltet, das Gedenken an das Vergängliche allen Lebens.

Kurze Auslegungen von Gedichten der deutschen und englischen Literaturgeschichte erscheinen regelmäßig auf diesem Blog. Diese und weitere Interpretationen werden auch bald als Lektürehilfen für Schüler, Studierende und andere Interessierte in der App verfügbar sein.


Martin Opitz: Ach Liebste / laß vns eilen

Ach Liebste / laß vns eilen /
      Wir haben Zeit:
Es schadet das verweilen
      Vns beyderseit.
Der edlen Schönheit Gaben
      Fliehn fuß für fuß:
Das alles was wir haben
      Verschwinden muß.
Des Wangen Ziehr verbleichet /
      Das Haar wird greiß /
Der Augen Fewer weichet /
      Die Brunst wird Eiß.
Das Mündlein von Corallen
      Wird vngestalt /
Die Händ’ als Schnee verfallen /
      Vnd du wirst alt.
Drumb laß vns jetzt geniessen
      Der Jugend Frucht /
Eh’ als wir folgen müssen
      Der Jahre Flucht.
Wo du dich selber liebest /
      So liebe mich /
Gieb mir / das / wann du giebest /
      Verlier auch ich.


Interpretation des Gedichts von Martin Opitz

Die obige Fassung des Gedichts wurde 1625 in Opitz’ Acht Büchern Deutscher Poematum abgedruckt. Die Sammlung ist ein Meilenstein der deutschen Literaturgeschichte. Sie enthält eigene Gedichte von Opitz und Übersetzungen ausländischer Gedichte in die deutsche Sprache. Neben Texten des nominellen Verfassers stehen darin also viele von ungenannten Autoren aus anderen Sprachen, etwa dem Italienischen oder Niederländischen.

Martin Opitz, der im Jahr zuvor sein Buch von der Deutschen Poeterey drucken ließ, wollte die deutsche Sprache mit den beiden Büchern zur Lyriksprache machen. Dafür erklärt er in der Deutschen Poeterey, welche lyrischen Formen, Versmaße und andere formalen Möglichkeiten das Deutsche bietet. In den Poematum wandte er diese Theorie praktisch an.

Formal streng, inhaltlich lax

Ach Liebste ist dabei sowohl ein formales als auch thematisches Lehrstück. Formal zeigt es einen Aufbau als eine Versgruppe, deren Bestandteile sehr gebundene Elemente hat. So sind die Verse 1, 3, 5 usw. im dreihebigen Jambus verfasst und die dazwischen in einem zweihebigen. Alle Verse stehen im Paarreim, wodurch die beiden Versmaße weiter von einander abgegrenzt, aber zugleich auch ineinander verwoben werden.

Dagegen ist der Inhalt deutlich weniger streng. Zwar verwendet Opitz viele gängige Metaphern und andere rhetorische Stilmittel, die der Barock aus der Tradition des Petrarkismus entnahm. Beispiele dafür sind etwa der Gegensatz von Feuer und Eis (V. 11–12) oder das „Mündlein von Corallen“ im folgenden Vers 13. Aber sie werden immer wieder von einer leichten Ironie und einer spielerischen Attitüde begleitet.

Der Ernst des Lebens, das ist der Spaß

Verspieltheit schimmert schon direkt im Oxymoron der ersten beiden Verse durch: Der anfangs aufgemachte Gegensatz zwischen Eilen und Zeit haben ist derart skurril, dass der Rest des Gedichts nicht mehr absolut für bare Münze genommen werden kann. Opitz scheint das memento mori („Bedenke, dass du sterben musst“) sowohl ernst als auch überhaupt nicht ernst zu nehmen. Neben dem Beginn und Singsang-Tonalität des Hebungswechsels in den Verspaaren sorgt für diesen Eindruck auch das pointierte Ende.

Gewitzte Gegensätze

Dort wird das Spielen mit paradoxen Gegensätzen wieder aufgenommen und auf die Spitze geschrieben. Opitz schreibt mit einem auf erotische Abenteuer deutendem Augenzwinkern: „Wo du dich selber liebest / So liebe mich / Gieb mir / das / wann du giebest / Verlier auch ich.“ Das ist so doppel- und dreibödig, dass nicht ganz klar ist, was der Sprecher hier genau meint. Ist dies ein ernster Kommentar zur Erkenntnis der Vergänglichkeit und der zugehörigen Notwendigkeit menschlicher Nähe? Oder versucht hier ein Lustmolch seine Geliebte nur mit verwirrenden Wortspielen zu verführen? Beides ist möglich.

Dadurch stellt Opitz sich als gekonnter Lyriker des Barock aus, einer Zeit, in der Autoren und Autorinnen mit rhetorischen Kunstgriffen versuchten, sich in sprachlicher Virtuosität zu übertrumpfen. Nicht vergessen werden sollte aber, dass diese Texte in einer Zeit voller Krieg und Leiden entstanden. Ach Liebste wurde während des Dreißigjährigen Kriegs veröffentlicht – eine Zeit, in der Tod und Vergnügen im echten Leben so nah beieinander waren wie vielleicht nie zuvor.

Foto: Pixabay

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