Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (Gedichanalyse)

Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ist eines der berühmtesten Gedichte der deutschen Romantik überhaupt.

Der Lyriker Novalis1Künstlername von Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. verfasste das Gedicht im Jahr 1800. Es sollte ursprünglich Teil seines durch die Mythen des Mittelalters inspirierten Romans Heinrich von Ofterdingen werden. Dieser blieb durch den frühzeitigen Tod des Autors allerdings Fragment und wurde erst posthum herausgegeben, zusammen mit unserem Gedicht..

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ist ein programmatischer Text der Romantik. Er behandelt viele Kernthemen der Epoche. Welche genau das sind, zeigt die heutige Poesi-Gedichtinterpretation.

Kurze Auslegungen von Gedichten der deutschen und englischen Literaturgeschichte erscheinen regelmäßig auf diesem Blog. Diese und weitere Interpretationen werden auch bald als Lektürehilfen für Schüler, Studierende und andere Interessierte in der App verfügbar sein.


Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die ‹freie› Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ‹alten› wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.


Interpretation des Gedichts von Novalis

Zunächst zur allgemeinen Form: Das Gedicht ist eine einzelne Versgruppe mit 12 Versen. Das Reimschema ist paarweise aufgebaut (aabbccddeeff). Die meisten Verse weisen als Metrum einen vierhebigen Jambus auf. Es gibt aber Ausnahmen, durch die der Text teilweise etwas ins Stocken gerät, etwa in Vers 6, wo durch die Folge „Welt wird“ ein Hebungsprall entsteht.

Direkt ins Auge fällt außerdem, dass die ersten vier Verspaare allesamt mit dem Wort „wenn“ beginnen, also eine wiederholte Anapher vorliegt. Das letzte „Wenn“-Verspaar mit wird mit einem Enjambement und einem „Und“ zu Beginn von Vers 9 um zwei weitere Verse verlängert. Abgeschlossen wird das Gedicht mit den letzten beiden Versen, die mit „dann“ eingeleitet werden. Am Ende wird durch dieses „dann“ final offenbart, was unter den Bedingungen der vorangegangenen Verse möglich wird: Es „fliegt vor Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.“ (V. 11–12)

Die Vernunft und das Zauberwort

Dieser Abschluss birgt den grundlegenden Gegensatz des Gedichts in sich – denjenigen zwischen Wahrem und Falschen. Blickt man vom Ende auf den vorangegangenen Teil des Gedichts zurück, dann wird klar, dass er auch bereits in den „Wenn“-Bedingungen steckt. Als falsch wird dabei das Rationale, Vernunftbetonte ausgezeichnet, als wahr alles Emotionale, Künstlerische, Poetische – ein typischer Topos der Romantik, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen Aufklärungsideen des 18. Jahrhunderts wandte.

Symbolisch für das Rationale stehen direkt zu Beginn die „Zahlen und Figuren“ (V. 1), die Mittel der „Tiefgelehrten“. (V. 4) Ihnen werden Dichter und Sänger gegenübergestellt, „die so singen oder küssen“ (V. 3) und die „Märchen und Gedichte[]“ (V. 9) lesen und in ihnen eine tiefere Wahrheit entdecken können. Sie haben als emotionale Menschen den „Schlüssel“ zur Welt und den in ihr lebenden „Kreaturen“ (V. 2).

Freiheit und Klarheit

Das Wort Schlüssel steht bewusst im Singular anstelle des Plurals der Zahlen und Figuren im ersten Vers, um zu zeigen, dass er einen direkten, nicht unnötig vervielfältigten Zugriff auf die Welt bietet. Dieser Zugriff läuft, das suggeriert der letzte Vers, über die Sprache.

Es gebe, so das Gedicht, ein „geheimes Wort“ (V. 11), das alles „[V]erkehrte“ in der Welt wieder gerade rückt. Wird es ausgesprochen, werden sich „Licht und Schatten / Zu echter Klarheit […] gatten“ und die Welt frei. Darin liegt ein mystischer, religiöser Gedanke, der typisch ist für die Romantik: Die Natur, die Welt und göttliche Kraft – der Gott der Christen ist laut Genesis 1 ja auch ein einzelnes „Wort“ – werden durch die Kunst, speziell die Dichtung, eine Einheit.

Alles wird klar und verständlich, intuitiv zu erfassen. Novalis’ Gedicht zeichnet den ideellen Weg zu dieser Klarheit nach.2Das Stichwort lautet „progressive Universalpoesie“ . Die Dichtung vervollkommnet sich so sehr, dass schlussendlich nur ein Wort reicht, um alles zu erklären.

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Foto: Pixabay

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