Eduard Mörike: Um Mitternacht

Dichter des Monats: Eduard Mörike (1804–1875)

Heute vor 145 Jahren starb Eduard Mörike. Poesi nimmt sich das zum Anlass, an einen besonderen Schriftsteller des Biedermeier zu erinnern.

In der Literaturwissenschaft ist Eduard Mörike vor allem aufgrund seiner Ansicht bekannt, ein Nachgeborener zu sein. Er wurde im Jahr vor Friedrich Schillers Tod geboren und war 27 Jahre alt, als Goethe starb. Ihrer beider Klassizismus inspirierte Mörike sehr.

Aber sein Lebensumfeld war ein anderes. Anstatt wie die Weimarer die Zeit der Französischen Revolution, der Aufklärung und ihrer romantischen Gegenbewegung mitzuerleben, war Mörikes Zeitalter das der Restauration.

Biedermeier statt Weimarer Klassik

Es zeichnete sich in Deutschland durch einen politischen und gesellschaftlichen Rückzug von fortschrittlichen Idealen aus. Man ging im Biedermeier, so der heutige Epochenname für die damaligen Literatur, vom globalen immer mehr zum privaten Leben über bzw. zurück. Und so fand auch Mörike selten authentischen Anlass, pathetische und antikisierende Gedichte wie Schiller und Goethe zu schreiben, sondern beobachtete viel häufiger als nach Innen Gewandter sein Leben und die Natur um ihn herum als Spiegel dieses Lebens.


Steckbrief: Eduard Mörike

Geburtstag: 8. September 1804 (Ludwigsburg)

Todestag: 4. Juni 1875 (Stuttgart)

Epoche: Biedermeier/Realismus

Wichtige Werke: Gedichte (1838; 1848 und 1864 erweitert), Maler Nolten (Roman, 1832), Mozart auf der Reise nach Prag (Novelle, 1856)


Werkbeispiel

Um Mitternacht von Eduard Mörike ist ein typisches Gedicht des Biedermeier. Wie in romantischen Gedichten, die um 1800 entstanden, stehen die Natur und die Nacht im Mittelpunkt. Anders als bei den mystischen Romantikern wie Novalis oder Tieck steckt bei Mörike aber weniger hinter der erblickten Welt. Die Schönheit wird mehr im persönlichen Gefühl als in der kosmischen Bedeutung der Natur gesehen.

Entsprechend erhält die Nacht in diesem zweistrophigen Gedicht mit Paarreimen auch einen personifizierten Charakter. Sie steigt „gelassen […] an’s Land“, also in die Welt. Die Ruhe der Nacht wird vermenschlicht, um direkter vom ebenfalls menschlichen Sprecher (oder Leser) verstanden zu werden. Als solche Persönlichkeit ist die Nacht ruhig und ausgeglichen, in ihr steht die Zeit „in gleichen Schalen“ (V. 4) still.

Auch bestimmte Teile der Natur, vor allem die „Quellen“ in den singhaften zweiten Teilen der beiden Strophen, werden personifiziert. Das Rauschen der Quellen ist bei Mörike ein Singen „vom heute gewesenen Tage“ (V. 8). Um Mitternacht, wie der Titel verrät, ist die Welt absolut im Gleichgewicht. Alles ist still und die Nacht ist ruhig. Zugleich „klingt des Himmels Bläue“ aber noch nach und die Quellen rauschen unentwegt weiter.

Dies ist ein besonderes Zusammenspiel: Der vergangene Tag wird erinnert, der Moment der Gegenwart ist still und auch der kommende kündigt sich in der Bewegung der Quellen unterschwellig an. Die Ruhe der stillen Nacht und die Bewegung der Quellen symbolisieren gleichzeitig ein stetiges Fortlaufen des Lebens wie auch eine Art der Permanenz in dieser Dynamik.


Eduard Mörike: Um Mitternacht 

Gelassen stieg die Nacht an’s Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
    Und kecker rauschen die Quellen hervor,
    Sie singen der Mutter, der Nacht, in’s Ohr
       Vom Tage,
    Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd’;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flücht’gen Stunden gleichgeschwung’nes Joch.
    Doch immer behalten die Quellen das Wort,
    Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
        Vom Tage,
    Vom heute gewesenen Tage.


Web-Tipp zu Mörike 

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach bewahrt einen Großteil der erhaltenen Handschriften von Eduard Mörike auf. Außerdem gibt es dort auch die Sammlung Fritz Kauffmann. Sie enthält „Bücher und Zeitschriften mit Werken von Eduard Mörike, Exemplare aus seinem Besitz und dem seiner Vor- und Nachfahren, Literatur über Mörike, Schriften von Freunden und Zeitgenossen Mörikes“. Wer zu diesem Autor mehr erfahren oder als Wissenschaftler forschen will, kommt um einen Besuch in Marbach und den dortigen Literaturmuseen kaum herum.

Foto: Pixabay

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